Wulff war nur die Spitze des Eisbergs
Blicken wir ein Jahr zurück. Um die
Jahreswende 2011/2012 war das wichtigste Thema in deutschen Medien
der damalige Bundespräsident Christian Wulff und seine Beziehungen
zu reichen Unternehmern und anderen Wirtschaftsvertretern. Noch immer
gibt es neue Berichte über mögliche Einflussnahmen Wulffs und die
Vorteile, die er möglicherweise dafür erhalten hat.
Doch die Diskussion um Wulff hat nur
einen kleinen Einblick in die Netzwerke der Macht aus Politik,
Wirtschaft und Medien gewährt.
Lobbying – dass bedeutet, dass
Politiker sich mit Vertretern aus verschiedenen Verbänden und
Unternehmen treffen: Von Greenpeace über den ADAC bis hin zu
Industrieverbänden und dem DGB. Lobbying ist an sich nichts
Schlechtes, sondern ein wichtiger Teil unserer Demokratie.
Allerdings haben Wirtschaftsunternehmen
und ihre Lobbyisten durch kräftige Finanzen häufig einen Vorteil.
Dabei Verschaffen die Lobbyisten den
Politikern kleine oder größere Vorteile: Eine Einladung in ein
Luxusrestaurant ist eher harmlos, aber es gibt auch etwa „Seminare“
auf Mallorca.
Zudem werden Politiker von den
Unternehmen Beratungs- und Vortragsaufträge, die mit einem guten
Honorar belohnt werden. Wenn zu solchen Instrumenten gegriffen wird,
ist der Lobbyismus nicht mehr ein legitimes und notwendiges Mittel
der demokratischen Meinungsbildung, sondern eine gefährliche
Beeinflussung demokratische Prozesse.
Doch es geht noch weiter: Nach ihrer
politischen Karriere landen viele Volksvertreter selbst in der
Wirtschaft und verdienen als Vorstands- und Aufsichtratsmitglieder
großer Konzerne teilweise ein Vielfaches dessen, was sie in der
Politik verdient haben.
Vieles davon ist, wenn auch
unmoralisch, legal, aber einige Vorgänge im Bereich dieser Art des
Lobbyismus sind deutlich in der Grauzone zwischen legal und illegal
angeordnet.
Daneben gibt es noch deutlichere Fälle
von Korruption, von denen in der Geschichte der Bundesrepublik auch
schon einige an die Öffentlichkeit gekommen sind: Etwa die
CDU-Spendenaffäre um Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Roland
Koch, oder die RWE-Affäre in der nordrhein-westpfälischen CDU.
In den Jahrzehnten seit bestehen der
Bundesrepublik sind eine ganze Anzahl solcher Affären an die
Öffentlichkeit gekommen, sodass man kann sich fragen muss, wie viele
weitere Fälle es noch gibt, die Wahrscheinlich nie ans Licht kommen
werden.
Neben dem Chefredakteur der
Bild-Zeitung, Kai Dieckmann, hat Wulff auch bei dem Vorsitzenden der
Axel-Springer AG, Dr. Matthias Döpfner, angerufen, um die negative
Berichterstattung über seinen Hauskredit, wenn nicht zu verhindern,
dann doch aufzuschieben und den Wortlaut zu verändern. Dieser Anruf
zeigt vor allem eins: Wulff nahm offenbar an, der Vorstandschef
Döpfner könne Einfluss auf die Berichterstattung in seinen
Zeitungen nehmen. Obwohl dies von Bild-Journalisten bestritten wird,
ist es nicht anzunehmen, dass Wulff, der über ein hohes Maß an
Erfahrung im Umgang mit den Medien Verfügt, sich in diesem Punkt
irrt.
Diese Tatsache beweist, dass die
Machthaber der Wirtschaft die Berichterstattung in den Medien
durchaus beeinflussen können. Viele große Medienkonzerne gehören
privaten Investoren (im Fall von Springer hauptsächlich Friede
Springer, einer Freundin von Angela Merkel), zudem sitzen in ihren
Aufsichtsräten Vertreter aus verschiedenen Brachen von Wirtschaft
und Industrie.
Eine weitere Einflussmöglichkeit ist
die Werbung. Sie stellt die Haupteinnahmequelle der
Medienunternehmen dar und ist somit natürlich auch ein Druckmittel
für die Firmen, die sie in Auftrag geben.
Im Fall des Springer-Managers Döpfner
lohnt sich ein genauerer Blick. Wie auf der Website der Axel-Springer
AG angegeben sitzt er zugleich in oberen Gremien des
US-Mediengiganten Time Warner Inc (u.a. Warner Bros, CNN und TIME)
und der Beteiligungsgesellschaft RHJ International. Als der deutsche
Autobauer Opel von seinem US-Mutterkonzern GM abgelöst werden
sollte, wurde von der Bild und der Bild am Sonntag positiv über RHJ
als möglichen Investor berichtet – ein weiterer Hinweis auf die
Vernetzungen zwischen Wirtschaft und Medien.
Was Politiker betrifft, so werden diese
von Unternehmen, denen sie mit ihren Entscheidungen geholfen haben,
oft durch gut bezahlte Vorstands- oder Aufsichtsratposten belohnt.
Ein prominentes Beispiel ist Gerhard Schröder, der sich während
seiner Zeit als Bundeskanzler für den Bau einer Erdgas-Pipeline
durch die Ostsee einsetzte. Kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt
wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nord Stream AG, der
Betreibergesellschaft dieser Pipeline. Durch seine Finanzpolitik –
unter anderem die Einführung der Riester-Rente- unterstützte
Schröder Unternehmen wie den Finanzdienstleister AWD von Carsten
Maschmeyer, der bereits 1998 eine Zeitungskampagne pro Schröder
finanziert hatte. Im März 2011 hat Maschmeyer Schröder ca. eine
Million Euro für die Rechte an eine Buch bezahlt. Das SPD-Mitglied
Bert Rürup, der unter Schröder eine Kommission zu Gesundheits- und
Rentenfragen („Rürup-Kommision“) leitete, gründete mit
Maschmeyer die Maschmeyer-Rürup AG, die Banken, Versicherungen und
Regierungen berät.. Auf ihrer Website wirbt die Maschmeyer-Rürup AG
mit einem Zitat von Schröder: „Ich bin mit den beiden Gründern
persönlich befreundet“ und mit Schröders Arbeitsminister Walter
Riester, der der Firma als „Experte“ zur Verfügung stehe.
Ex-Regierungssprecher und
Steinmeier-Berater Thomas Steg gründete nach Ende seiner Tätigkeit
als Regierungssprecher seine eigene Firma, die STEG Kommunikation und
Beratung GmbH. Auf deren Webseite (www.steg-berlin.de) heißt es:
„Unser
Angebot ist besonders auf Kommunikationsprozesse an den
Schnittstellen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
ausgerichtet.“
Der
Kontakt zwischen Wirtschaft und Politik zur Gesellschaft erfolgt im
wesentlichen über die Medien und an den Schnittstellen dieser drei
Arbeiten Lobbyisten. Das auf der Startseite der STEG Kommunikation
und Beratung GmbH verwendete Bild symbolisiert offensichtlich ein
Netzwerk – das Netzwerk aus Wirtschaft, Politik und Medien mit
Menschen wie Steg als Verbindungslinien?
Außerdem
ist Steg seit Februar 2012 Generalbevollmächtigter für Außen- und
Regierungsbeziehungen bei der Volkswagen AG.
Petra Uhlmann, die erste
Umweltministerin Mecklenburg-Vorpommerns, ist heute Leiterin für
Unternehmenskommunikation bei E.ON Kernkraft tätig. Während ihrer
Zeit als Ministerin entstanden Planungen, in Lubmin ein Zwischenlager
für radioaktiven Abfall zu errichten. Heute wird dort Atommüll aus
ganz Deutschland eingelagert Uhlmann war 1993 im Zusammenhang mit
einer Affäre um die Mülldeponie Schönberg zurückgetreten. Die
Deponie war privatisiert worden, wobei allerdings der Staat auf
Folgekosten sitzen blieb. Zu den Investoren, die damals die Deponie
kauften, gehörte RWE. Die Energieriesen E.ON Kernkraft, RWE und
Vattenfall stehen zwar zueinander in Konkurrenz, kooperieren aber
auch beim Betrieb von Kraftwerken und sind gemeinsam Gesellschafter
der GNS
Gesellschaft für Nuklear-Service mbH, die Zwischenlager für
radioaktiven Abfall betreibt (u.a. bei Gorleben).
Wahrscheinlich
ist das, was die Medien vor einem Jahr über Christian Wulff
aufgedeckt haben, harmlos im Vergleich zu dem, was alltägliche
Praxis vieler Bundes- und Landespolitiker ist, eher harmlos. Doch von
vielen Praktiken wird die Öffentlichkeit wohl nie etwas erfahren, zu
gut funktioniert das Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Medien.
